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Das mittelalterliche Sizilien Teil 6: Sizilien wird normannisch

von Ursula Kampmann

Nachdem Robert Guiscard nicht nur vom Papst anerkannt war, sondern auch von den normannischen Aristokraten, besaß der sechste Sohn eines mediokren Burgherrn aus dem hintersten Winkel der Normandie ein eigenes Herzogtum.

Robert Guiscard. Tari d’oro, Palermo. Aus Auktion Künker 166 (2010), Nr. 3924 - Die ersten normannischen Münzen, die in Sizilien entstanden, wurden im Namen Robert Guiscards ausgegeben.

Robert Guiscard. Tari d’oro, Palermo. Aus Auktion Künker 166 (2010), Nr. 3924 - Die ersten normannischen Münzen, die in Sizilien entstanden, wurden im Namen Robert Guiscards ausgegeben.

Landhunger!

Doch das genügte ihm immer noch nicht. Wie der zeitgenössische Chronist Gaufredus von Malaterra schrieb: „Die Söhne Tancreds von Hauteville waren von Natur so geartet, dass sie, voll unersättlicher Herrschbegier, so lange ihre Kräfte reichten, niemals ruhig einen ihrer Nachbarn im Besitz von Land und Leuten belassen konnten; jeder Nachbar musste entweder ihnen dienen, oder sie nahmen ihm alles, was er besaß.“ Robert beschloss also, den Anspruch, den ihm die päpstliche Ernennung zum Herzog von Sizilien bot, in die Wirklichkeit umzusetzen und sich die in muslimischer Hand befindlichen Gebiete einzuverleiben. Es sollte allerdings rund 30 Jahre dauern, bis die Hautevilles ganz Sizilien kontrollierten.
Es gibt einen guten Grund dafür, warum die Eroberung Siziliens sich so lange hinzog: die Normannen kämpften fast noch lieber gegeneinander als gegen die Heiden. Allerdings hatte Robert Guiscard mit seinem Bruder Roger, der ihm als Herrscher folgte, einen Mann an seiner Seite, der es verstand, nicht nur militärisch zu siegen, sondern auch mit diplomatischen Schachzügen zu punkten.

Stich der Stadt Messina von G. Braun & F. Hogenberg aus dem Jahr 1572.

Stich der Stadt Messina von G. Braun & F. Hogenberg aus dem Jahr 1572.

1061 gelang mit der Eroberung von Messina die Sicherung eines Brückenkopfs, von dem aus man jährliche Einfälle auf arabisches Gebiet durchführen konnte. Zwei Jahre später, 1063, schaffte es Robert, sich die Eroberung von Sizilien vom Papst als heiligen Krieg absegnen zu lassen – und ziemlich genau zur gleichen Zeit, als die nordspanischen Könige muslimisches Land mit Hilfe von Rittern eroberten, die ihnen das Kloster Cluny als Kämpfer gegen die Heiden vermittelt hatte. Die Kirche entwickelte in den 60er Jahren des 11. Jahrhunderts das Konzept vom heiligen Krieg, und Robert entdeckte schnell, wie er dies für sich nutzen konnte.

Roger in der Schlacht von Cerami, 1063. Gemälde von Prosper Lafaye um 1860.

Roger in der Schlacht von Cerami, 1063. Gemälde von Prosper Lafaye um 1860.

Als es im Juni des Jahres 1063 zu einer wichtigen Schlacht kam, sahen die Ritter Rogers, der für seinen Bruder in die Schlacht zog, einen schönen Jüngling auf weißem Ross mit weißer Rüstung, in der Hand das weiße Fähnlein mit rotem Kreuz. Messerscharf schlossen die anwesenden Gläubigen, dass es sich hierbei um den heiligen Georg handeln müsse, der ihnen vom Himmel geschickt sei, um ihnen im Kampf gegen die Heiden beizustehen. 

Nicht der hl. Georg, sondern Roger reitet hier in die Schlacht. Roger I. Trifollaro o. J., Mileto, 1072-1101. Aus Auktion Künker 137 (2008), Nr. 3789.

Nicht der hl. Georg, sondern Roger reitet hier in die Schlacht. Roger I. Trifollaro o. J., Mileto, 1072-1101. Aus Auktion Künker 137 (2008), Nr. 3789.

Roger ließ sofort eine Gesandtschaft an den Papst schicken, um diesen über die göttliche Unterstützung zu informieren. Er legte vier Kamele als Geschenk bei und erhielt dafür von Alexander II. ein geweihtes Banner. Als Draufgabe ließ der Papst öffentlich verkünden, dass allen Rittern, die auf Sizilien im Kampf gegen die Heiden stürben, sofort ihre Sünden vergeben seien. Das war attraktiv in einer Zeit, in der ein Leben jederzeit überraschend enden konnte. Mit der Kombination aus Heidenkampf, Landnahme und Absolution entwickelte die Kirche in Sizilien und Spanien ein Konzept, das mit dem Aufruf zur bewaffneten Wallfahrt und der Befreiung des Heiligen Grabes von Jerusalem im Jahre 1099 seinen größten Erfolg feiern sollte.

Roger nimmt die Schlüssel der Stadt Palermo entgegen. Gemälde von Giuseppe Patania, 1830.

Roger nimmt die Schlüssel der Stadt Palermo entgegen. Gemälde von Giuseppe Patania, 1830.

Toleranz als Basis der Eroberung

1071 nutzte Robert die Niederlage des byzantinischen Kaisers bei Manzikert, um Bari, den letzten Stützpunkt der Byzantiner in Apulien einzunehmen. Zu diesem Zweck schuf er die erste schlagkräftige Flotte der unteritalienischen Normannen. Die lieh er im nächsten Jahr seinem Bruder Roger aus. Mit ihr gelang die Eroberung Palermos.
Damit hatten die Normannen zwei wichtige Ausgangspunkte für die Beherrschung Siziliens in ihren Händen: Palermo und Messina wurden zu den Zentren, von denen aus Roger langsam mit Gewalt und Diplomatie einzelne Fürsten an sich band. Er trug nun den Titel Graf von Sizilien und war seinem Bruder Robert damit unterstellt. Die wichtigsten Besitzungen wie zum Beispiel Palermo behielt Robert als Lehnsherr unter seiner eigenen Kontrolle. Da er aber nicht Unteritalien beherrschen und gleichzeitig in Sizilien vor Ort sein konnte, war Roger in der Lage, seinen Einfluss weit über das offiziell Erlaubte auszudehnen.

Roger I. Tari d’oro, o. J., Messina. Aus Auktion Künker 137 (2008), Nr. 3787.

Roger I. Tari d’oro, o. J., Messina. Aus Auktion Künker 137 (2008), Nr. 3787.

Die Bewohner Siziliens unterstützten ihn dabei gerne, denn Roger offerierte eine weitgehende Religionstoleranz sowie das Privileg, weiterhin nach eigenen Gesetzen gerichtet zu werden. Diese Politik wurde zur Grundlage für die unvergleichliche Blüte des sizilianischen Reichs. Natürlich war die Besteuerung hoch – aber sie traf Moslems, Juden, orthodoxe und römische Christen gleich. Wer eine Beschwerde hatte, konnte sie in einer der vier Amtssprachen formulieren: Arabisch, Griechisch, Latein oder in normannischem Französisch. Die Verwaltungsposten wurden zum großen Teil mit Einheimischen besetzt. Wo das nicht ging, entschädigte man lokale Größen mit ausreichendem Landbesitz, der in einer Gegend Unteritaliens lag, in der sie über keinerlei Hausmacht verfügten.

Die „Martorana“ wurde von Georg von Antiochien gestiftet, dem Admiral von Rogers Sohn Roger II. Die Mosaikausschmückung verweist auf den orthodoxen Glauben des Stifters. Noch heute wird dort der byzantinische Ritus der italienischen Albaner zelebriert. Foto: KW.

Die „Martorana“ wurde von Georg von Antiochien gestiftet, dem Admiral von Rogers Sohn Roger II. Die Mosaikausschmückung verweist auf den orthodoxen Glauben des Stifters. Noch heute wird dort der byzantinische Ritus der italienischen Albaner zelebriert. Foto: KW.

Die Moslems behielten ihre Moscheen – nur die Gotteshäuser, die ursprünglich Kirchen gewesen waren, mussten sie zurückgeben. Viele von ihnen gingen an orthodoxe Christen, die auf Sizilien eine Zuflucht gefunden hatten. Auf dem Festland sorgte Robert nämlich dafür, dass der katholische Glaube durchgesetzt wurde, Sizilien dagegen unterstand zwar ebenfalls dem Papst, aber hier gab es in den praktischen Aspekten der Liturgie größere Freiheiten. Roger sicherte sich das Vertrauen seiner orthodoxen Untertanen, indem er im großen Maßstab ihre Kirchenprojekte förderte.

Die aktive Toleranzpolitik, die Roger auf Sizilien lebte, kam nicht nur seinen persönlichen Vorlieben entgegen, sondern brachte klare Vorteile: Roger rekrutierte aus der muslimischen Bevölkerung eine sarazenische Elitetruppe, die ihm treue Dienste leistete. Die Tatsache, dass ihre Religionsausübung an die Gnade des Herrschers gebunden war, machte sie zu einer loyalen Streitmacht, die gegen jeden christlichen Gegner, ja sogar gegen den Papst, problemlos eingesetzt werden konnte. Die orthodoxen und muslimischen Untertanen Rogers sahen im benachbarten Kalabrien und Apulien wie das römische Christentum immer mehr um sich griff; kein Wunder, dass sie mit ihrem toleranten Herrn so zufrieden waren.

In der nächsten Folge lesen Sie, wie Robert Guiscard seinen Blick von seinem Herzogtum nach Osten richtete, auf das neue Ziel seiner Ambitionen: das Reich von Byzanz.

Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Und wenn Sie mehr Bilder aus Sizilien sehen wollen, empfehlen wir Ihnen unsere Serie „Blühendes Sizilien“.

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