Hortfunde und andere Münzfunde - Teil I: Hortfunde

von Alan Walker
übersetzt von Almuth Klingner

29. März 2018 – Lassen Sie uns ein Thema behandeln, dass für alle, die sich mit antiken Münzen beschäftigen, von Bedeutung ist: Woher kommen sie eigentlich?
Was Ihnen allen sicherlich klar ist, oder zumindest klar sein sollte, ist die Tatsache, dass alle heute vorhandenen antiken Münzen, sei es in Museen, privaten oder öffentlichen Sammlungen oder bei Händlern, einmal aus der Erde kamen (oder aus dem Wasser: aus Quellen, Flüssen, Seen oder Meeren). Die Vorstellung, dass Münzen oberirdisch seit der Antike erhalten geblieben sind, ist zweifellos romantisch, aber doch äußerst unwahrscheinlich! Sicher, der Comte du Chastel behauptete, dass das in seiner Sammlung befindliche Goldmedaillon im Gewicht von drei Solidi, geprägt unter Valentinian I. (du Chastel 814), tatsächlich seit der Prägung im Besitz seiner Familie war. So sagte er, sein Familienwappen wäre jenes der Stadt Valenciennes, die wohl von Valentinian gegründet oder neugegründet worden war. Tatsächlich wurde die Stadt erstmals im Jahre 639 erwähnt und erscheint in einem Dokument des Merowinger Königs Chlodwig II. (639-657) … Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden!

Nomos 6, 2012, 81. Paros, aus dem Paros-Hortfund von 1936 (IGCH 13). Taxe: 7.500 / Zuschlag: 25.000 CHF.

Nomos 6, 2012, 81. Paros, aus dem Paros-Hortfund von 1936 (IGCH 13). Taxe: 7.500 / Zuschlag: 25.000 CHF.

Tatsächlich gibt es drei wichtige Quellen für antike Münzen: 1) Hortfunde, 2) Depotfunde und 3) Verlorenes.
Lassen Sie uns diese genauer betrachten.

1) Hortfunde

Um es zunächst einmal klarzustellen: Das Wort „Hort“ (in der Bedeutung von einer Gruppe von Münzen oder Objekten), das wir hier benutzen, hat nicht das geringste zu tun mit dem Wort „Horde“ (das sich auf eine große Gruppe von Menschen oder Tieren bezieht); diese beiden Wörter dürfen nie durcheinander gebracht werden.
In der Numismatik versteht man unter einem Hort eine Ansammlung von Münzen, die bewusst versteckt wurde, mit der Absicht, sie später wiederzuerlangen (kurz-, mittel- oder langfristig). Dabei werden vier Grundarten unterschieden: a) Spar-Horte, b) Ausgaben-Horte, c) Not-Horte und, zu guter Letzt, d) gemischte Horte und Edelmetall-Horte.

Nomos 6, 2012, 35. Samothrake, aus dem Kiourpet-Hortfund von 1930 (IGCH 696). Taxe: 50.000 / Zuschlag 100.000 CHF.

Nomos 6, 2012, 35. Samothrake, aus dem Kiourpet-Hortfund von 1930 (IGCH 696). Taxe: 50.000 / Zuschlag 100.000 CHF.

a) Spar-Horte
Spar-Horte existieren aus dem einfachen Grund, dass die meisten Menschen in der Antike keine Möglichkeit hatten, ihr Geld dauerhaft sicher zu lagern, so wie wir es heutzutage auf der Bank tun. So bewahrte beispielsweise ein Grundbesitzer einen gewissen Teil seines Einkommens als sofort verfügbar auf, um für die laufenden Kosten und täglichen Ausgaben aufzukommen, während der Überschuss für die Zukunft gespart wurde. Dieses überschüssige Geld wurde in einen großen Behälter gefüllt und vergraben; so konnte man später wieder darauf zugreifen, um weitere „Anlagen“ zu tätigen. Dies konnte über viele Jahre, ja sogar Generationen weitergeführt werden. In den meisten Fällen sind die Münzen, die für Spar-Horte ausgesucht wurden, von der besten Qualität, die der Besitzer finden konnte: Sie sind meist alle aus demselben Metall (Gold, Silber oder Bronze); gemischte Horte sind jedoch auch bekannt. Je nach finanzieller Lage des einstigen Besitzers bestehen Spar-Horte meist ausschließlich aus höherwertigen Münzen, die in der Regel nicht gemischt wurden (so gibt es Horte aus Stateren, Tetradrachmen, Drachmen, Kleinmünzen oder Kleinbronzen); beschädigte, geringwertige, abgegriffene oder mindergewichtige Münzen wurden in Spar-Horten bewusst vermieden. Solche Horte können in den Ruinen alter Gebäude gefunden werden, aber oft auch an abgelegenen Stellen, die früher auf irgendeine Art leicht zu erkennen waren (zum Beispiel könnte jemand seinen Hort in der Nähe eines lokal gut sichtbaren Wahrzeichens wie einem besonders markanten Baum vergraben haben, der im Laufe der Zeit verschwunden ist).

Nomos 7, 2013, 39. Mende, aus dem Kaliandra-Hortfund von 1913 (IGCH 358). Taxe: 35,000 / Zuschlag: 40,000 CHF.Nomos 7, 2013, 39. Mende, aus dem Kaliandra-Hortfund von 1913 (IGCH 358). Taxe: 35,000 / Zuschlag: 40,000 CHF.

Nomos 7, 2013, 39. Mende, aus dem Kaliandra-Hortfund von 1913 (IGCH 358). Taxe: 35,000 / Zuschlag: 40,000 CHF.

b) Ausgaben-Horte
Ausgaben-Horte sind Münzvorräte, die für den täglichen Gebrauch gehalten wurden, anstatt für langfristiges Sparen. So bewahrte jemand beispielsweise seine Sachwerte in einem Spar-Hort auf, der relativ umständlich zu erreichen war, während eine Auswahl an Geld für die alltäglichen Ausgaben an einem bequemer zugänglichen Ort versteckt wurde. Horte dieser Art, die Münzen aus verschiedenen Metallen enthalten können, am häufigsten Silber und Bronze, sind in den Ruinen von Städten zu finden, die plötzlichen Angriffen ausgesetzt wurden (siehe unten). Charakteristisch für Ausgaben-Horte ist es, dass sie häufig Münzen von geringerem Wert enthalten als solche, die in Spar-Horten gefunden wurden: In diesen Horten tauchen geringwertige oder mindergewichtige Exemplare (beschnittene, beschädigte usw.) oder anderweitig nicht wünschenswerte Münzen auf, weil ihre Besitzer sie loswerden wollten!

Nomos 14, 2017, 115. Athen, aus dem Poggio-Picenze-Hortfund von 1954 (IGCH 2056). Taxe: 750 / Zuschlag: 1,800 CHF.

Nomos 14, 2017, 115. Athen, aus dem Poggio-Picenze-Hortfund von 1954 (IGCH 2056). Taxe: 750 / Zuschlag: 1,800 CHF.

c) Not-Horte
Not-Horte sind Horte, die im Angesicht akuter Gefahr versteckt wurden. In Abgrenzung zu anderen Horten kann man sie, wenn auch nicht ganz einfach, anhand ihres Inhalts, an der Art, wie sie versteckt wurden, und, im Nachhinein, anhand der Zerstörungsspuren in der Gegend des Verstecks erkennen. Ein Hort, der aus Angst vor einem Angriff versteckt wurde, ist eher eine Art „Allesfresser“ statt einer bedachten Auswahl. Gemischte Horte, die Münzen aus allen Metallen und oft geringerwertige Stücke enthalten, sind oft Anzeichen für ein überstürztes Zusammentragen und Verstecken, im Gegensatz zu einem bedächtigen Auswahlprozess. Natürlich werden Wertgegenstände, wenn der Feind schon vor der Tür steht, ohne großes Nachdenken einfach in einen Sack geworfen und versteckt, denn jede Sekunde zählt. Daher ist das Behältnis oft etwas weniger Langlebiges (ein Sack zum Beispiel) anstatt eines Topfes oder einer Truhe: Der Besitzer benutzt, was auch immer gerade zur Hand ist, und hat vermutlich auch die Hoffnung, den Schatz wieder hervorzuholen, sobald die Gefahr vorüber ist. Eine weitere Form von Not-Hort sind Soldtruhen militärischer Einheiten, die unmittelbar vor einer Schlacht oder bei einem Angriff versteckt wurden: In diese Fundkategorie fallen zum Beispiel die Horte der drei Varus-Legionen, die sie während ihrer letztlich erfolglosen Schlacht gegen das germanische Heer unter Arminius vergruben. Perfekte Beispiele von Not-Horten sind jene, die auf den Böden des Südhauses der Athener Agora (B 17:1) gefunden wurden, die im Jahre 267 durch den Angriff der Heruler zerstört wurde.

Nomos 14, 2017, 409. Maximinus I., aus dem Fund von Nis der frühen 1930er Jahre. Taxe: 250 / Zuschlag: 480 CHF.Nomos 14, 2017, 409. Maximinus I., aus dem Fund von Nis der frühen 1930er Jahre. Taxe: 250 / Zuschlag: 480 CHF.

Nomos 14, 2017, 409. Maximinus I., aus dem Fund von Nis der frühen 1930er Jahre. Taxe: 250 / Zuschlag: 480 CHF.

Sowohl Spar-Horte als auch Not-Horte können von unterschiedlicher Größe sein: von einer geringen Anzahl an Münzen, die ein Einzelner vergraben hat, bis hin zu riesigen Horten von Amtsträgern oder sehr hochrangigen Persönlichkeiten. Zwei der größten mir bekannten Hortfunde sind der Brescello-Hort aus dem Jahr 1714, der ca. 38 v. Chr. vergraben wurde und etwa 80.000(!) römische Aurei enthielt (der Großteil wurde eingeschmolzen und von der Este-Familie, den Herrschern von Modena, in Dukaten verwandelt), und der Nis-Hort aus den frühen 1930ern, der angeblich ungefähr 15 Tonnen(!!) römischer Silbermünzen enthielt (ca. 5 Millionen Denar)! Diese beiden Horte müssen angesichts akuter Gefahr von ihren offiziellen Verwaltern vergraben worden sein (die vermutlich umgekommen sind, bevor sie weitersagen konnten, wo die Horte versteckt waren).

d) Gemischte Horte und Edelmetall-Horte
Gemischte Horte und Edelmetall-Horte. Die hätte ich beinah vergessen. Die fast ausschließlich aus Silber bestehenden Münzen dieser Hortfunde wurden nicht in erster Linie als Münzen aufbewahrt, sondern als Edelmetall. Ein perfektes Beispiel ist ein Hort, den ich in den frühen 1990er Jahren zu sehen bekam, gefunden in der Gegend um Crotone (Kroton) im heutigen Kalabrien (früher Bruttium). Es waren um die 100 Silbermünzen, überwiegend Ausgaben aus dem 5. Jh. v. Chr., aus Akragas, Gela, Velia, Kroton, Metapontum usw., vor allem Didrachmen und Statere. Nur wenige Exemplare waren beeindruckend, so die späteste Münze, ein Stater aus Olympia (Seltman 295 = Leu 77, 2000, 221). Alle anderen Münzen waren stark abgenutzt, einige aus Akragas und Gela quasi unleserlich. Es schien zunächst eine recht merkwürdige Ansammlung zu sein, ergab dann aber zunehmend Sinn, als man mir einen Beutel mit unfertigem Silberschmuck zeigte – größtenteils Fibeln (die meisten waren noch wie gerade gegossen, roh, unbearbeitet, ohne eingravierte Verzierungen; manche waren teilweise fertiggestellt) –, den man zusammen mit den Münzen gefunden hatte. Das Gesamtgewicht des Schmucks war sogar höher als das der Münzen. Ich zeichnete den Hort, so gut es unter den Umständen ging, auf und sandte die Informationen einem befreundeten Wissenschaftler, der mir etwas Faszinierendes erzählte: Was ich da gesehen hatte, war kein Münzhort in dem Sinne, sondern ein Hort von Rohmaterial für die Herstellung von antikem Schmuck! Er erklärte mir, dass einige solcher Horte bekannt seien, jedoch meist nur per Zufall als solche erkannt wurden, denn nach dem Fund werden Münzen über den Münzhandel verkauft, während Schmuck an Antiquitätenhändler geht; so ist später nicht mehr nachvollziehbar, dass sie zusammen gefunden worden sind. Funde von großen, schweren Silberbarren unterschiedlicher Form (wovon einige deutliche Anzeichen teilweise eingeschmolzener Münzen auf ihrer Oberfläche trugen) zusammen mit Münzen in diversen anderen Horten (vor allem aus Ägypten, Mesopotamien und noch weiter östlich) sind ein weiteres Zeichen dafür, dass diese von ihren früheren Besitzern als Silberhorte angesehen wurden und weniger als Münzgeld. Viele griechische Silbermünzen aus östlichen Funden aus dem 6., 5. und frühen 4. Jh. v. Chr. sind durch Prüfhiebe entstellt, was ebenfalls dafür spricht, dass diese Münzen als Silberrohmetall betrachtet wurden, anstatt als Münzen mit einem bestimmten Nennwert.

Der nächste Teil dieser kleinen Serie handelt von Depotfunden.

Wer Alan Walker ist, wissen die meisten, und wer das nicht weiß, kann es bei uns im numismatischen Who’s who nachsehen.

Die Kontaktangaben von Alan Walker finden Sie auf der Website von Nomos.

Weitere Artikel zu Schatzfunden gibt es im entsprechenden Bereich unseres Archivs.

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